Aus dem Oderbruch nach Altgaul

Gartengeschichten, Kapitel 003

1997

Der Winter zeigte sich von einer milden Seite. Die Bauleute nutzten die frostfreien Zeiten redlich, und bald konnten eine Grundsteinzeremonie stattfinden. Unsere Tochter unterschrieb dabei bereits im Alter von etwas über einem Jahr die Gründungsurkunde. 🙂


0010_Unterschrift_Grundstein
Diese wurde dann nebst anderen Zeitzeugnissen sorgfältig verpackt und eingemauert.

Die Grundstücke waren mit wenigen – und teils verfallenen – Zaunstücken nur ansatzweise getrennt.

0012_Bau und Zaun

Das kam meiner Freiheitsliebe durchaus entgegen, und das Niederreißen von Mauern und Zäunen kann ja auch zu Verbindungen führen – wie sich sieben Jahre zuvor bei der „Wende“ eindrücklich zeigte – andererseits kann es ebenso zu Trennungen führen. Als eine Zeit später Holz und für mich wertvolle Metallteile vom Grundstück verschwanden, baute ich doch rundum einen Zaun auf.
Hinter der Rüttelplatte auf obigem Bild ist der Silagegraben zu sehen. Er wurde nicht – wie angedacht – abgerissen, sondern in das Werden des Gartens einbezogen.

Ein paar Monate später konnten wir Richtfest feiern. Es gelang mir recht gut, die letzten Nägel in den Dachstuhl zu schlagen und die Bauleute hatten auch darauf verzichtet, heimlich ein Blech zwischen die Hölzer zu legen. 🙂

0014_Richtfest

Aber noch wohnten wir im Oderbruch…

Gesprochen wird es „Oderbruuch“, denn das Bruch stammt von Mittelhochdeutsch „bruoch“, was „Moor“ oder „Sumpf“ bedeutet. Und es heißt „das“ Oderbruch. Im Wesentlichen bekam die Oder unter dem preußischen König Friedrich II zwischen 1747 und 1762 einen neuen Verlauf. Damit wurden im Oderbruch etwa 32.500 Hektar fruchtbares Land trockengelegt. – Auf den fruchtbaren Boden in unserem Garten kommen wir später garantiert noch zu sprechen. 🙂

0015_Oderbruch

Doch nun, im Juli und August 1997, drohte die Oder ihr von Menschenhand geschaffenes Bett zu verlassen. (Oderhochwasser 1997 bei Wikipedia)

Es war eine Zeit die betroffen machte und doch Erfahrungen und Qualitäten brachte, die ich noch heute vermisse.

Es war still wie noch nie. Das Oderbruch war evakuiert. Nur Anwohner kamen unter Vorlage des Ausweises noch hinein. Sehr selten fuhr noch ein Fahrzeug. Alle Tiere, und alles was irgendwie beweglich war, war ausgelagert – soweit Platz vorhanden. Wir hatten die Möbel in den ersten Stock geschafft. Es hätte uns allerdings nichts genutzt, wenn es den hunderten Helfern nicht im letzten Moment gelungen wäre, den schon teilweise abrutschenden Deich zu stabilisieren.

Es gab kaum noch Geräusche die auf Zivilisation hinwiesen. Es bellte kein Hund, es gackerte kein Huhn, es fuhr fast kein Auto mehr. Allein das Tag und Nacht ununterbrochene dumpfe Brummen der Militärhubschrauber, welche die Sandsäcke zum Deich schafften, erfüllte die Luft.

An den Sandplätzen jedoch herrschte pralles Leben! Ein 40-Tonner kippte seine Fuhre ab. Wie die Ameisen gingen Männer, Frauen und Kinder daran, die Säcke zu füllen. Dabei wurde gescherzt und gelacht und niemand scheuchte ein Kind beiseite, wenn es mit seinem Sandschäufelchen hantierte. Die Gabelstapler hoben bei den Gewichten der Sandsackpaletten hinten ab. Dann sprangen einfach vier/fünf Menschen hinauf und brachten die Räder wieder auf Kontakt zum Boden. Wer immer irgendein Gefährt hatte, stellte es zur Verfügung um die Säcke zu den Hubschrauberplätzen zu befördern. Nach kürzester Zeit war der Sandberg verschwunden und bald rollte der nächste Sattelzug an.

Nein, niemand fragte, wer denn der Andere sei, wo er herkomme, wieviel er schon gearbeitet habe… Auch Nachbarn die sich sonst nicht leiden konnten, waren nun Freunde. Bäcker, Metzger und Ladenbesitzer luden Verpflegung aus, die einfach verteilt wurde. Niemand wollte das bezahlt haben, denn jeder gab einfach nach seiner Möglichkeit, um das Wasser zu bändigen.

Es war das intensivste und weiteste Gemeinschaftserleben was ich bislang kennenlernen durfte. Ich vermisse seither solche Verbundenheit der Menschen, denn bedauerlicherweise verschwand sie, sobald die Oder sich wieder in ihr Bett zurückzog.

DCF 1.0

Im November war unser Haus noch nicht fertig, doch wir zogen ein, sobald wir es für möglich hielten. Es war sehr abenteuerlich! Der Boden vor dem Eingang war noch nicht angefüllt. So mussten wir über provisorisch aufgestapelte Steine ins Haus klettern.

0017_A_LeiternhausDas Haus hatte, aufgrund von Lieferverzug, wochenlang noch keine Treppen. Es ist schon ein ungewohntes Gefühl, im Dachgeschoss zu stehen, und mehr als sechs Meter hinunter bis auf den Kellerboden zu blicken. 🙂 Ich baute eine provisorische Konstruktion, um das Auf- und Absteigen auf den Leitern einigermaßen sicher zu machen. Praktisch war es, dass wir die volle Kühltruhe mit einem Flaschenzug in den Keller abseilen konnten, statt sie mühsam die Treppe hinab zu schleppen. 🙂

Das Grundstück außerhalb der Baufläche war noch unberührt und die Natur hatte die aufgeschütteten Sandhaufen des Vorjahres wieder überwuchert.
0017_Einzugszustand

Doch zunächst kam der Winter …

0018_Einzug

… und unser Leben befand sich ohnehin in einer der abenteuerlichsten Phasen, denn wir nahmen an einem Jahrestraining für Selbsterfahrung teil. Es nannte sich „Life Skills“ und war von einem nicht ganz unumstrittenen Mann namens Frank Natale initiiert. Es entwickelten sich dabei neue Lebensansichten und Kräfte. Das ist zwar eine andere Geschichte, doch sie ließ eindeutig Wurzeln entstehen, die im heutigen Garten Blüten und Früchte treiben.

0019_Beitragsabschluss

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