Landschaftsgesichter und Betrachtungen über das Wesen der Veränderung

Gartengeschichten, Kapitel 008

Liebe Leserin,
lieber Leser,

ich möchte mit Dir nun einen kleinen Spaziergang um unser winziges Dorf und durch die Jahreszeiten machen. Gleich nach der Ortsgrenze  spazieren wir also links in den Waldweg…

(Nebenbei – falls Du uns besuchst, fahre auf dieser Straße aufmerksam: An zwei Stellen sind Buckel aufgepflastert, und die sind bereits bei einer Geschwindigkeit von 50 kmh extrem hart! Also besser gemächlich fahren.) Gemächlich soll auch unser Spaziergang sein.

Am Wegrand finden wir zur Zeit das erste Scharbockskraut. Ein prima Vitaminlieferer nach der Winterzeit.

0065_00_1_Scharbockskraut

In ein paar Wochen wird hier auch eine Menge Knoblauchrauke sprießen und wilder Schnittlauch bietet sein würzig-scharfes Aroma.

Die Waldstücke scheinen bunt zusammengewürfelt. Ich mag ihre unterschiedlichen Charaktere.

0065_00_2_Wald

Das habe ich mit den Pilzen gemeinsam, die sich auch auch über unterschiedliche Standorte freuen.

0065_00_3_Pilze

Es ist keine Selbstverständlichkeit…

In einigen Waldbereichen, lassen die Menschen die Natur selbst walten. (Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig und entspringen nicht unbedingt immer dem bewussten Naturschutzgedanken.) Vom Sturm gefällte Bäume z.B. bleiben liegen und bieten vielen Lebewesen einen Lebensraum und Nahrung, bis sich der Kreislauf des Lebens rundet.

0065_00_4_Totholz

Mich mahnt die Vergänglichkeit. Mein Leben war und ist voller Erlebnisreichtum. Ich liebe es und deshalb genieße ich, wo immer es möglich ist. Schon manch früheren Freunden und Bekannten ging es wie diesen Bäumen. Einige waren jünger als ich, als der Sturm des Lebens sie fällte. Leben, dessen bin ich mir bewusst, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

0065_00_5_Verfall

Wir hielten uns abseits der Wege nach links. Der Waldrand gibt einen ersten Blick auf die offene Landschaft frei. Wir gehen aber noch weiter auf dem federnden Waldboden, der fruchtbar ist und das Leben in sich hervorragend vor tiefem Eindringen des Frostes schützte.

0065_00_6_Blick auf Feld

Was haben manche Menschen und ein altes Schild wohl gemeinsam?

Wir gelangen wieder auf einen Weg. An dieser alten Eiche gab es bis zu einem der letzten Stürme einen alten Hochsitz, morsch geworden und verfallen, doch er hielt sich wackelnd an ihr fest. Am Stamm tut desgleichen noch immer ein verblichenes Schild, welches zu Zeiten der DDR amtlich und wichtig, das Betreten und Befahren des Weges „nur für befugte Personen“ regelte und gleich auch mit Strafen drohte. Sein einstiger Glanz und seine Macht wurden durch Einflüsse und Veränderungen gebrochen, die die Zeit mitbrachte.

Vor meinem inneren Auge ziehen gerade einige Menschen meines Lebens vorbei, die mit diesem Schild Gemeinsamkeiten hatten oder haben… Von dem autoritären Lehrer, der mir sagte: „Aus dir wird nie etwas!“, bis zu den Menschen, die immer genau wussten „wo es langging“ – oder „langzugehen hatte!“,  auch wenn es sich um das Leben anderer Menschen handelte.

0065_00_7_Alte Eiche

Wir wenden uns um…

Altgaul liegt am Rand des Barnim, im Südosten. Der Höhenzug beginnt hier sanft zu rollen. Ich liebe die weiblichen Schwünge und Rundungen.

0065_01_weiblich

Licht und Schatten spielen auf vielfältige Weise mit den Formen und Farben.

Immer wieder faszinieren mich die Linien, die das Land gegen den Himmel zieht. Ihnen langsam mit den Blicken zu folgen, lässt eine tiefe Ruhe in mir einkehren.

Die geschichtsträchtige Landschaft atmet für mich eine wohltuende Kraft aus. Sie ist erdend und trotzdem leicht, wie eine fröhliche Umarmung.

Manchmal baut sie sich fließend auf, wie eine lange Meereswelle. Es steckt wohl einfach in ihr, denn das Land war einmal ein Meeresboden.

0065_05_Ackerwelle

Es gibt sie noch…

Als junger Mensch bekam ich von einem Freund Holz geschenkt. Es hatte wunderschöne rötlich-gelbe Farbschattierungen, eine ebensolche Maserung und Tiefe in der Zeichnung. In einem Innenhof musste damals ein Baum gefällt werden. Mir wurde gesagt, es sei Ulme. „Ulme,“ sagte mein Vater, „kann es nicht sein, denn die sind alle vom Ulmensplintkäfer ausgerottet worden.“ Zum Glück wissen Eltern wirklich nicht alles und die Macht des Ulmensplintkäfers ist deutlich geringer als die des Menschen. Dabei traue ich ihm die natürliche Intelligenz zu, dass er genug Ulmen nachwachsen lässt, so dass sich seine Familie auch in Zukunft erhalten kann. Beim Menschen bin ich mir dessen keineswegs sicher…
Wie dem auch sei; zu meiner großen Freude gibt es in dieser Gegend noch manch wunderschöne alte Ulmen, und ich weiß, wie farbig und wundervoll ihre Herzen sind!

Eidechsenstreicheln

Ich habe eine ausgeprägte Berührungsnatur. Berührung ist für mich die Brücke zur realen Welt und zur Seele gleichzeitig. Manchmal, wenn ich auf einem Spaziergang bin, treffe ich Wesen, die mir Gelegenheit bieten, meine Fähigkeiten zu schulen. Wir blicken uns dann lange und intensiv in die Augen. Es ist eine innige und sehr konzentrierte Kommunikation, bei der ich nach und nach langsam näher kommen darf. Es macht mich glücklich, wenn ich das Einverständnis bekomme und die glatte, warme Schuppenhaut streichelnd berühren darf. „Bestanden“ habe ich die Prüfung nur dann, wenn sie noch immer still an ihrem sonnenheißen Platz sitzt, während mein Weg mich weiterführt.

Noch gibt es hier magere Wiesen und Brachen, auf denen eine bunte Mischung von Wildpflanzen, Insekten und Kleinlebewesen leben lässt. Lerchen schwingen sich tirilierend hoch in den Himmel und kehren in fallendem Flug verstummend in ihre Nester zurück, die irgendwo in dieser blühenden Weite liegen.

Den Schafen gefällt ihr Dasein  offenbar ebenfalls. 🙂

0065_09_Schafe

Das neue Wachsen erträumen…

Der Spätsommer kehrt ein. Seine kräftigen Farben künden an, dass das Leben bald wieder einen Jahreszyklus vollendet.

0065_10_Spätsommer

Oftmals sehen wir Menschen in diesem Abschnitt des Lebens ein „Absterben“, doch in Wirklichkeit erträumen unzählige Wurzeln und Samen die Schönheit und den Duft des nächsten Jahres. Ich habe schon lange das Gefühl, es wäre auch für uns Menschen gut, wenn wir mit dieser Zeit verbunden einen Rückzug und innere Besinnung (er)leben würden, statt unser Leben nach Uhr und Arbeitsplan „wie immer“ durchzuziehen.

0065_11_Raureif

Manchmal kleidet sich diese Landschaft in ein weites, erhabenes Gewand. Dabei empfinde ich sie allerdings noch immer auf Augenhöhe zu mir.

0065_12_erhaben

Und dann kommt ein neuer Tag und alles strahlt wie frisch gewaschen. 🙂

0065_13_Schnee

Jeder Atemzug verändert. So atmet die Landschaft den neuen Frühling ein und macht Schritt an Schritt in ihrer unablässigen Verwandlung.

0066_01_Blick

Die großen Fliederbüsche und -hecken blühen auf, erfreuen das Auge und erfüllen die ganze Gegend mit ihrem lieblichen Duft.

0066_01_Flieder

Bald folgen die Robinien und dann ist vollends Schnupperzeit. Ich habe solche Duftlawinen erst hier kennen gelernt.

„Du hast dich überhaupt nicht verändert!“

Manche Menschen sehen das als Kompliment, doch ich sehe in einem – scheinbaren – Stillstand der Veränderung, den Ausdruck eines wenig lebendigen Daseins. Die Vorstellung von Sicherheit, die vielfach in unveränderten Gegebenheiten gesucht wird, erweist sich stets als trügerisch.

Wie sehr sich die Landschaft von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde und manchmal von Moment zu Moment ändert, ist mir erst durch dutzende Fotos (und Sekunden zu spät gemachte Fotos!) richtig bewusst geworden, als ich immer aus dem selben Fenster fotografierte. Seit mehreren Jahren mache ich oft wenn ich an dem Fenster vorbeilaufe ein Bild. Es gibt keine zwei gleichen! Die Natur ist überschwänglich in ihrer Kreativität und Vielfalt. Ich habe einfach mal wahllos ein paar herausgepickt.

0066_02_Fensterblick

0066_03_Fensterblick

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Und so liegt das kleine Dorf Altgaul weitgehend versteckt in der grünenden Landschaft, unweit der Grenze zu Polen. Das Nachbarland ist als schmaler Streifen am Horizont jenseits der Oder zu sehen. Es begeistert mich, dass ich hier heimeliges Umfangensein und ebenso einen weiten Blick finde!

Danke für Dein Interesse an diesem Spaziergang! Möge er Dir eine schöne Zeit gewesen sein.

0066_11_Altgaul

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2 Gedanken zu “Landschaftsgesichter und Betrachtungen über das Wesen der Veränderung

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